Evangelische Jugend im Kirchenkreis Altholtstein

 

Konzept für eine Jugendkirche

im Ev.-Luth. Kirchenkreis Altholstein

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1. Einleitung- Wozu braucht Altholstein eine Jugendkirche?

Im Kirchenkreis Altholstein hat sich eine sehr unterschiedliche Landschaft der Arbeit mit Jugendlichen entwickelt. Dabei sind nicht nur die Unterschiede von städtischen und ländlichen Räumen ausschlaggebend: Vieles ist abhängig davon, in welchem personalen Umfang in den Gemeinden Jugendarbeit geleistet wird. Das Projekt „Jugendkirche“ in Altholstein bietet die Möglichkeit, Kirche ganz unabhängig von den Gegebenheiten in den Ortsgemeinden jugendgemäß zu gestalten, weil durch die Jugendkirche ein Sozialraum eröffnet wird, in dem Jugendliche ihrer Religiosität Ausdruck verleihen können, ihre Fragen nach Sinn bearbeiten und dies in ihrer Sprache und mit ihrer Musik tun können.

Immer wieder weisen Studien darauf hin, dass das Verhältnis von Jugendlichen zur Institution Kirche von Distanz geprägt ist und sich Jugendliche mit der Kirche nicht unmittelbar identifizieren können, obwohl zugleich die Frage nach Sinn, die Orientierung an Werten und vereinzelt auch ganz traditionelle Glaubensinhalte einen hohen Stellenwert für Jugendliche einnehmen.[1] Die zahlreichen Jugendkirchenprojekte, die sich in den letzten zehn Jahren rapide vermehrt haben,[2] nehmen diese maximale Distanz zwischen der Institution Kirche und der Lebenswelt Jugendlicher ernst, indem sie ein Experimentierfeld bieten, in dem Jugendliche in den Themen ihrer Lebenswelt Religion entdecken können. Vor dem Hintergrund, dass die religiöse Sozialisation in den Familien und unter Gleichaltrigen immer mehr abnimmt,[3] wachsen die Anforderungen, die Vermittlung von Lebenswelt und christlichem Glauben zu leisten. Es geht um die „sozialräumliche“ Übersetzung der religiösen Inhalte, darum, dass sie in der Alltagserfahrung der Jugendlichen verankert sind. Jugendkirchen stellen sich dieser Vermittlungs- bzw. Übersetzungsaufgabe dadurch, dass sie zu allererst einen Sozialraum für Jugendliche schaffen, denen die verfasste Kirche in ihrer parochialen Gestalt fremd bleibt.

Dabei zeigt sich, dass es Beziehungen zwischen den eigenen Lebensthemen und dem christlichen Glauben gibt und dass eine Jugendkirche ein Ort ist, an dem das Evangelium kommuniziert wird. Jugendkirchen lassen sich dabei nicht nur auf die Kultur und die Sprache der Jugendlichen ein, sondern nehmen die Freiheit der Jugendlichen ernst, indem sie einen Raum eröffnen, indem Jugendliche ihre Fragen stellen können und auch ihren Zweifel im Rahmen einer Überzeugungsfreiheit aussprechen dürfen. Die Jugendkirchen sind zugleich Orte, an denen sich eine „Theologie der Jugendlichen“[4] frei entfalten kann. Die Aufgabe der Pastor_in oder der Diakon_in in der Jugendkirche besteht darin, diese Theologie wahrzunehmen, zu begleiten, zu fördern und Impulse aus der Jugendkirche für die Jugendarbeit in den Gemeinden zu geben.

 

 2. Basis der Jugendkirche in Altholstein

Nach der Definition von Michael Freitag, Referent für Theologie und Jugendforschung bei der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Jugend (aej) in Hannover,  sind Jugendkirchen „nicht mehr benötigte Gotteshäuser oder kirchliche Räume, die nur den Jugendlichen zur Verfügung stehen. Jugendgemeinden sind hingegen Gruppen junger Christen, die ein eigenes kirchliches Leben aufbauen. Gemeinsam ist ihnen in der Regel, dass ein Jugendpfarrer oder -leiter zusammen mit einem Team junger Menschen die Arbeit leitet und koordiniert.“[5]

Die Jugendkirche in Altholstein ist gedacht als eine Kombination von Jugendkirche und Jugendgemeinde. Aufgrund der Größe des Kirchenkreises Altholstein erscheint es sinnvoll an mehreren Orten mit dem Projekt Jugendkirche aktiv zu werden. Als Basis sollen zwei bis drei Kirchengemeinden in den verschiedenen Propsteien gefunden werden, die ihre Kirchen und Räume für eine begrenzte Zeit von vier bis zehn Tagen für ein Projekt der Jugendkirche mindestens einmal im Jahr zur Verfügung stellen. Damit können Jugendliche ihre eigenen kirchlichen Orte gestalten, finden und neuentdecken, von denen aus sie aufbrechen können in ihren Alltag und ins Leben.

Jugendkirche ist nur Jugendkirche, wenn sie auch von Jugendlichen selbst gestaltet wird. Hier wird sowohl ein realer als auch ein ideeller Raum eröffnet (das Kirchengebäude und die Möglichkeiten freier Gestaltung), in dem Jugendliche ihre Fragen stellen und gemeinsam Antworten suchen können, in denen sie ihre Alltagserfahrungen in Bezug zum Glauben und biblischen Geschichten stellen können, in denen sie experimentieren und neue Erfahrungen machen können.  Zur Realisierung dieser Projekte wird ein Team benötigt, das mit unterschiedlichen Talenten und Kompetenzen ausgestattet ist und gemäß der oben genannten Definition als Jugendgemeinde zu verstehen ist.

Damit die Jugendkirche Altholstein starten kann, braucht sie einen Verantwortlichen[6], der sich mit seiner vollen Arbeitszeit auf dieses Projekt konzentrieren kann. Es wird jemand benötigt, der Jugendliche und Erwachsene für die Umsetzung von Projekten begeistern kann, der den Jugendlichen ein authentisches Gegenüber bietet, mit dem sie sich auseinandersetzen können und der ihnen Experimentierfelder innerhalb von Kirche eröffnet. Gesucht wird einerseits jemand, der der Jugendkirche ein theologisches Profil geben kann, und sich andererseits gegenüber den Jugendlichen zurücknimmt, damit sie ihre eigenen jugendtheologischen Erfahrungen machen, Ausdrucksweisen finden und Erkenntnisse gewinnen können.

Projekte der Jugendkirche an verschiedenen Orten im Kirchenkreis Altholstein brauchen verbindende Elemente, damit sie für Besucher und Besucherinnen zu einer Heimat (auf Zeit) werden kann. Dies können die Mitglieder der Jugendgemeinde vermitteln, die bei den unterschiedlichen Projekten regelmäßig zu treffen sind und in Beziehung zu den Teilnehmenden treten oder eine Band, die immer wieder die Projekte musikalisch begleitet. Wiedererkennbarkeit kann aber auch durch ein Logo, wiederkehrende Elemente, Lieder und Rituale erreicht werden. Ziel ist es, dass mittelfristig Menschen auch größere Distanzen innerhalb des Kirchenkreises auf sich nehmen, um an einzelnen Veranstaltungen von Projekten der Jugendkirche teilzunehmen.

Damit besteht die Basis der Jugendkirche in Altholstein aus vier Elementen:

  1. zwei bis drei Kirchengemeinden in den drei Propsteien
  2. engagierte Jugendliche in einer Jugendgemeinde
  3. einem Verantwortlichen
  4. einer verbindenden Wiedererkennbarkeit.

 

3. Zielgruppen

Jedes Projekt der Jugendkirche hat drei Zielgruppen vor Augen:

  1. Diejenigen, mit denen ein Projekt gemeinsam vorbereitet wird: Die Jugendgemeinde erweitert um Jugendliche und Verantwortliche vor Ort, die gemeinsam intensiv am Thema des Projektes arbeiten und die Umsetzung zusammen gestalten.
  2. Konkrete Jugendliche vor Ort und in der Region, die das Projekt eigenständig zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen können. Dies können auch Konfirmandengruppen und Schulklassen sein, denen auf diese Weise ein erster Kontakt zur Jugendkirche ermöglicht wird.
  3. Alle interessierten Jugendlichen, Jugendgruppen und Junggebliebenen im Kirchenkreis.

Darüber hinaus ist es möglich jeweils themenbezogen weitere Zielgruppen einzubeziehen wie z.B. Eltern und andere Angehörige oder weitere Jugendverbände.

 

4. Projekte  der Jugendkirche

Mit einem Projekt der Jugendkirche ist ein vier bis zehntägiges  Angebot gemeint, dass in einer Kirche stattfindet. Diese steht innerhalb dieses Zeitraumes ausschließlich der Jugendgemeinde zur Verfügung. Regelmäßige Angebote, wie z.B. der Gottesdienst am Sonntag werden dann durch die Jugendgemeinde gestaltet und die gesamte Ortsgemeinde ist wie gewohnt eingeladen. Während der Projektphase der Jugendkirche kann die Kirche thematisch passend umgestaltet werden, z.B. mit Sand eine Wüste nachgebildet werden oder mit Klettermöglichkeiten, um zwischen Himmel und Erde neue Erfahrungen zu machen.

Die Dauer des Projektes wird nach Aufwand, Zielgruppen und Möglichkeiten der Jugend- und Ortsgemeinde festgelegt. Es soll ein Grundgerüst entwickelt werden, dass z.B. vormittags Angebote für Schulklassen, nachmittags und abends für Konfirmanden- und Jugendgruppen vorsieht. An den Wochenenden könnten Angebote wie Kino in der Kirche oder Theaterveranstaltungen, aber auch offene Workshops und Andachten etabliert werden, die es ermöglichen, sich im Rahmen der unterschiedlichen Projekte der Jugendkirche zu orientieren (Freitag Abend kann ich in der Jugendkirche immer…) Gemeinsame Mahlzeiten und vieles mehr sind denkbar.

Die Durchführung eines Projektes der Jugendkirche ist der Höhepunkt einer längeren Arbeitsphase des jeweiligen Teams aus Jugend- und Ortsgemeinde, Jugendlichen und Verantwortlichen. Termine sind etwa ein Jahr im Voraus festzulegen, um die Kirche für diesen Zeitraum frei zu halten, eine gute Kooperation und Absprachen vor Ort zu ermöglichen sowie ein Team zusammen zu stellen. Außerdem können die Projekte der Jugendkirche so langfristig in Gemeinden und Kirchenkreis in gewohnte Abläufe eingeplant und z.T. vielleicht auch mit ihnen verbunden werden. Etwa sechs Monate vorher beginnt dann die Vorbereitungsphase für das Team, die bis zur Durchführung immer intensiver wird und hier ihren Höhepunkt und Abschluss findet.

Dieses Konzept enthält keine fertigen Formate, sondern legt eine von Jugendlichen gestaltete, lebendige und an ihren eigenen Themen orientierte Jugendkirche zu Grunde. Die Ergebnisse können überraschen und sind nicht bis ins Letzte hinein steuerbar, umso bereichernder können sie durch die jugendliche Unbefangenheit für Gleichaltrige und auch für Erwachsenen sein.

 

5. Ideenspeicher

Neben dem großen Format der Projekte der Jugendkirche sind ergänzende kleinere Formate, wie z.B. Jugendgottesdienste on Tour oder zu besonderen Anlässen wie Ferienbeginn, aktuellen Ereignissen und Feiertagen möglich, auch um die langen Zeiträume zwischen den Projekten zu gestalten.

Im Rahmen der Konzeptentwicklung gab es für alle Beteiligten, Jugendliche, Haupt- und Ehrenamtliche die Möglichkeit ihre Ideen einzubringen einige seien hier festgehalten:

  • Jugendgottesdienste an Orten von Jugendlichen (z.B. Jugendtreff, Kino, Hochseilgarten)
  • Jugendkirchliche Projekte mit Kooperationspartnern (z.B. Schulen, Sportvereine, interreligiös)
  • Übernachtungen in der Kirche
  • Generationsübergreifend
  • Einfache Sprache
  • Trampolin (Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen…)
  • „Erleuchtung“ – Lichtshow
  • Ferienkirche
  • Bahnhof „Der letzte Zug ist abgefahren“
  • Geschwister + Nächstenliebe?
  • Kochen in der Kirche

 

6. Ausstattung

Das Jugendwerk Altholstein verfügt über eine gute Ausstattung an Materialien und Technik, die für Projekte der Jugendkirche eingesetzt werden können. Es wird lediglich für Verbrauchsmaterialien und evtl. für das Ausleihen von speziellem Equipment ein projektbezogener Sachkostenetat von 1.000 € pro Projekt benötigt. Weitere Mittel können über Stiftungen und Sponsoren eingeworben werden.

Für den Aufbau der Jugendkirche bzw. der Jugendgemeinde wird eine ganze Stelle benötigt. Insbesondere um schnell Kontakte in den Kirchenkreis und die Kirchengemeinden knüpfen zu können, ist eine ausschließliche Konzentration auf diese Aufgabe notwendig. Diese bilden die Grundlage dafür, geeignete Standorte zu finden und Kooperationen zu verabreden. Gleichzeitig muss zunächst mit kleineren Veranstaltungen eine Gruppe von Ehrenamtlichen aufgebaut werden, die sich für die Idee der Jugendkirche begeistern lassen und später zur Jugendgemeinde zusammenwachsen. Gleichzeitig ist die Erwartung hoch zeitnah ein erstes Projekt der Jugendkirche umzusetzen. Mit der Ausstattung von einer ganzen Stelle werden Erfolge der Jugendkirche schneller sichtbar und der Aufbau von Kontakten und Beziehungen, die für dieses Projekt notwendig sind, kann intensiver verfolgt werden.

Zum Aufbau von tragfähigen Beziehungen wird etwa ein Jahr benötigt, so dass ein Berufungszeitraum von fünf Jahren sinnvoll scheint. Dies spricht als Verantwortlichen für eine Pastorin oder einen Pastor. Mit Blick auf die bisher im Jugendwerk mit einem Diakon und einer Diplom-Pädagogin vertretenen Qualifikationen erscheint ein Theologe oder eine Theologin ebenfalls sinnvoll, um im multiprofessionellen Team sowohl die Projekte der Jugendkirche als auch andere Angebote des Jugendwerkes weiter zu profilieren. Zu dem stellt insbesondere der Aufbau der Jugendkirche hohe Anforderungen an die theologische Reflektion der unterschiedlichen im Kirchenkreis vertretenen Ausprägungen der Gemeinden sowie eine hohe Sensibilität für religiöse Gehalte in den Alltagserfahrungen der Jugendlichen. Der Verantwortliche muss sich außerdem selbst zurücknehmen können und Raum geben bzw. einfordern für die Entfaltung des jugendlichen Eigensinns in der Kirche. Eine Verbindung der Jugendkirche in die Pastorenkonvente erscheint ebenfalls förderlich für das Gelingen des Projektes.


[1] Vgl. Kirche und Jugend. Lebenslagen – Begegnungsfelder – Perspektiven. Eine Handreichung des Rates der EKD, Gütersloh 2010, 27f.

[2] Seit 2004 sind im deutschsprachigem Raum über 200 neue Jugendkirchen entstanden.

Vgl. http://www.jugendkirchen.org/ueber-uns.html (abgerufen am 19.04.2013).

[3] Vgl. Kirche und Jugend, 27.

[4] Kirche und Jugend, 80.

[5] http://www2.evangelisch.de/themen/religion/jugendkirchen-neue-bilder-von-jesus-malen56773

[6] „der Verantwortliche in Jugendkirche“ wird im Weiteren genutzt, um die Lesbarkeit zu gewährleisten. Der Begriff bezieht stets beide Geschlechter und verschiedene Möglichkeiten der Qualifikation (Pastor/in, Diakon/in u.a.) mit ein.

Die Kirchenkreissynode hat bei ihrer Tagung am 27. November 2013 beschlossen, eine ganze Pfarrstelle für eine Jugendkirche im Kirchenkreis Altholstein einzurichten.

Wir bedanken und bei allen, die dieses Ergebnis möglich gemacht haben, ganz besonders den Jugendlichen, die seit knapp vier Jahren an diesem Projekt gearbeitet haben.